Taketina -  Freude, Körperbewusstsein, Stille und Raum

'Schulung der Sinne ?'

Taketina Newsletter Juni '22
oder:
"Schulung der Sinne ?"


Der nachfolgende, von mir gekürzte und ergänzte Text stammt aus einer Veröffentlichung des "Mobiliar Labs für Analytik"
am Lehrstuhl für Technologiemarketing, ETH Zürich :

...
Nach einem angefüllten Tag mit virtuellen Medien wie E-Mail, Chat oder Videokonferenz fühlen sich viele Menschen einfach nur erschöpft, orientierungslos und leer.

Die letzte Zeit hat ganz klar die Grenzen der virtuellen Welt als Dauerzustand aufgezeigt.
Neben physischer Erschöpfung und emotionaler Leere erleben viele einen Verlust des Raum- und Zeitgefühls.
Die Küche wird zur Cafeteria, die Wohnzimmercouch zum Arbeitsort.
Die Grenzen zwischen gestern, heute und morgen lösen sich zunehmend auf.

Vermeintliches Multitasking und mangelnde sensorische Reize

Zunächst ist das Phänomen der Erschöpfung nach Videokonferenzen, auch als Zoom-Müdigkeit (Zoom-Fatigue) bezeichnet, mittlerweile gut erforscht.
Virtuelle Meetings gehen mit einem größeren kognitiven Aufwand einher –
verursacht durch Mikroverzögerungen in der Übertragung und das ununterbrochene Starren auf den Bildschirm.
Unser Gehirn benötigt schlicht mehr Aufwand, um Informationen aufzunehmen, was uns physisch ermüdet.

Gleichzeitig steigt die Versuchung der Ablenkung.
Wer hat während eines der zahlreichen virtuellen Meetings nie parallel E-Mails beantwortet oder Mitteilungen auf dem Smartphone gelesen?
Allerdings ist Multitasking eine Illusion.
Das vermeintliche parallele Arbeiten besteht vielmehr aus seriellen Mini-Arbeitsunterbrechungen.
Dies reduziert paradoxerweise unsere Fähigkeit, zwischen Aufgaben zu wechseln, und vermindert meßbar unsere Merk- und Leistungsfähigkeit.

Schon der ausbleibende Wechsel von einem Zimmer zum nächsten geht einher mit einem Wegfall von visuellen Eindrücken, Gerüchen und Geräuschen. Fehlende variierende sensorische Reize, gekoppelt mit fehlender Bewegung,
tragen zum Verlust der Orientierung im Alltag bei und beeinträchtigen unsere kognitive Leistungsfähigkeit.

Das mag erklären, warum denn die Tage zu einem gefühlten Einheitsbrei verkommen und es uns Mühe macht, auseinanderzuhalten, was an einem bestimmten Tag geschehen ist.

Neuere neurowissenschaftliche Studien zeigen zudem, daß unser Gehirn Informationen zu physischen und virtuellen Objekten unterschiedlich verarbeitet.
Je nachdem, ob wir auf ein Objekt in der virtuellen oder der physischen Realität fokussieren, werden andere Hirnregionen aktiviert.
Welche Auswirkungen das auf Leistungsfähigkeit oder Wohlbefinden hat, ist aus wissenschaftlicher Sicht noch unklar.
[Bekannt ist aber heute schon, daß die Kurzsichtigkeit von Jugendlichen durch das Starren auf nahe Objekte wie Smartphones rapide zugenommen hat.  (Ergänzung von Alex)]

Soziale Verbundenheit und Wohlbefinden

Der Wegfall von physischen, persönlichen Interaktionen im Alltag wird unser Wohlbefinden negativ beeinflussen und das kann durch digitale Kontakte nicht vollständig kompensiert werden.
Soziale Kontakte sind für unsere mentale und körperliche Gesundheit essentiell.

Nachgewiesen ist, daß physische soziale Kontakte einen beruhigenden und regulierenden Effekt auf das Nervensystem haben und damit zur Reduktion von Streß beitragen.
Neue Studien zeigen zudem, daß von verschiedenen Kommunikationsarten während der Pandemie vor allem Face-to-Face-Interaktionen einen positiven und langanhaltenden Effekt auf unser Wohlbefinden hatten. Das gilt auch für das Gefühl von sozialer Verbundenheit:
Bei Face-to-Face-Interaktionen ist dieses am stärksten, es folgen Video-Calls, Telefonanrufe und – am untersten Ende – Textnachrichten.
...

(Autorinnen: Jasmine Kerr, Doktorandin und Erika Meins, Leiterin)

Die Forschungsgruppe dieses Labs kümmert sich um einen "verantwortungsvollen Einsatz digitaler Anwendungen in einer hybriden Arbeitswelt", und ist also ursprünglich eher auf die Arbeitssituation bezogen.

Meiner Meinung nach zeigt aber sogar dieser Artikel auf, wie wichtig es ist, überhaupt wieder in die reale Welt zurückzukehren und physische Erlebnisse zu ermöglichen.

Digitales "de-toxing" (digitale Entgiftung) wäre eine gute Möglichkeit,
also nicht immer digital erreichbar sein oder andauernd Chats und E-Mails checken.

Eine weitere Möglichkeit ist die Schulung der Sinne.
Man kann regelmäßig nach draußen gehen und dabei :

den Sehsinn erweitern und den Blick in die "Weite" schweifen lassen
den Tastsinn erweitern (Spüren von Wind, Grashalmen)
den Geruchssinn erweitern (frisch gemähtes Heu, die reine Luft nach einem Sommerregen)
den Geschmackssinn erweitern (Picknick in der Natur)
den Hörsinn erweitern (Vogelgezwitscher, Rauschen des Baches, der Wellen im See, Flüstern des Windes)


Meine besondere Empfehlung ist natürlich, bei einem Taketina-Tag dabei zu sein !
Dabei könntest Du (gemäß dem Weisheitsrad) :

- in die Klarheit kommen, durch Verminderung störender Gedankenschleifen
- Koordinationsfähigkeit bei Schritten und Klatschen erweitern, und damit in die Sicherheit kommen

- in den eigenen Ausdruck beim Singen kommen, und damit in die Kreativität und Inspiration
- in den Groove kommen, und damit in die Begeisterung und Bewegung
- dich mit anderen im Rhythmuskreis resonant verbinden, und damit das Zusammenspiel empfinden
- aus der Starre kommen, und damit Streßhormone und Sorgen abbauen
- deinen eigenen physischen Platz neu entdecken, um deine Grenzen selbst zu regulieren
- Vorurteile beiseite legen und leidenschaftlich sinnlich werden
- dich nicht mehr isoliert und getrennt von der Welt empfinden


Ist das nicht wunderbar ?